Die HUSSITEN im Waldviertel und im Raum Zwettl

(Eine Rubrik von www.waldviertel-bilder.at)

 

Ein kleiner Ort in Südböhmen und doch von historischer Bedeutung: HUSINEC - der Geburtsort von Jan Hus

 

Die hussitische Bewegung
Der aus Husinec in Südböhmen stammende Priester Johannes (Jan) Hus (um 1371-1415) predigte eine grundlegende Reform der Kirche. Seit 1393 lehrte er an der Prager Universität, wo er im Wintersemester 1401/02 Dekan der philosophischen Fakultät und 1409 Rektor wurde. Aufbauend auf den Lehren des englischen Theologen John Wiclif und einer unmittelbaren Auslegung der Heiligen Schrift forderte er vor allem die Rückkehr zur apostolischen Einfachheit. Seine mitreißenden, in der Volkssprache gehaltenen Predigten erzielten in Böhmen eine beträchtliche Breitenwirkung, vor allem in den bürgerlich-bäuerlichen Mittel- und Unterschichten, beim niederen Klerus, aber auch in Adelskreisen. Soziale Probleme sowie nationale Gegensätze zwischen Tschechen und Deutschen sorgten dafür, dass das religiöse Programm von Hus einen politischen Charakter erhielt.
In Konstanz, wo Hus vor dem Konzil seine Lehre verteidigen wollte, wurde er unter Bruch des von König Sigismund gewährten Geleites festgenommen und schließlich am 6. Juli 1415 als Ketzer verbrannt. Sein Mitstreiter Hieronymus von Prag musste ihm 1416 auf den Scheiterhaufen folgen. Das löste in ihrer Heimat eine von nationalen Gefühlen getragene Welle der Empörung aus, ohne dass jedoch die Bewegung eine einheitliche Ausformung gewonnen hätte.
Einig waren sich die Hussiten nur in ihrer Gegnerschaft zu König Sigismund (aus dem Hause Luxemburg). Ihm gaben sie - nicht ganz zu Unrecht - Schuld am Tod des Reformtheologen Jan Hus. Nach dem Tod König Wenzels (1419) sollte ihm sein Bruder Sigismund als König in Böhmen nachfolgen. Dagegen kämpften die Hussiten mit allen Mitteln. Ein von Papst Martin V. verkündeter "Kreuzzug" gegen die Hussiten brachte zwar zunächst militärische Erfolge für Koenig Sigismund, letztlich konnte sich aber das Kreuzfahrerheer gegen die von Jan Zizka geführten Hussiten nicht durchsetzen.
In der Folge wurde der österreichische Herzog Albrecht V. vermehrt in die Kämpfe gegen die Hussiten hineingezogen. Er hatte 1421 Elisabeth, die Tochter König Sigismunds geheiratet und bekam 1423 die Markgrafschaft Mähren verliehen.
Die Hussitenheere besaßen als "Streiter Gottes" eine hohe Kampfmoral. Dazu kamen die von Jan Zizka vorgenommenen kriegstechnischen und taktischen Innovationen, vor allem die als "bewegliche Festungen" eingesetzten, mit Artillerie verstärkten Wagenburgen.
Die Reichsheere waren den Hussiten in keiner Weise gewachsen und erlitten bittere Niederlagen.
Bis in den Spätherbst 1425 blieben die Kämpfe, die von beiden Seiten mit unerhörter Härte und Grausamkeit geführt wurden, auf mährisch-böhmisches Gebiet beschränkt. Im November drangen erstmals hussitische Heere nach Niederösterreich vor, um Herzog Albrecht, der in Mähren mit wechselndem Erfolg operierte, abzulenken, aber auch um die Belastung des eigenen Landes zu verringern. Daneben nützen sie diese Kriegszüge in das Nachbarland aber auch ganz besonders um Beute zu machen. Die Hussiten hatten es dabei vor allem auf Wein und Getreide abgesehen. Klöster und Städte wurden geplündert. Stadt und Stift Zwettl waren von den Kriegszügen der hussitischen Heere mehrmals betroffen.

Die Hussiten im Waldviertel und im Raum Zwettl
Am 25. November 1425 eroberten die Hussiten Retz, indem sie die Befestigungsanlagen untergruben, da sie die Stadt in einer zehntägigen Belagerung nicht hatten einnehmen können. Wahrscheinlich waren sie bei diesem Vorgehen auf einen der zahlreichen Weinkeller gestoßen, die sich heute noch unter der Stadt befinden. So konnten sie leicht in die Stadt eindringen, wo sie ein furchtbares Blutbad anrichteten. Retz, Pulkau und zahlreiche Orte sowie Kirchen in der Umgebung wurden niedergebrannt.
Da man befürchtete, dass die Hussiten auch in das Waldviertel vordringen würden, traf Otto von Maissau als oberster Marschall des Landes Maßnahmen zur Hebung der Verteidigungskraft. Unter anderem wurde den Städten Krems und Stein befohlen, 80 wohl bewaffnete Krieger nach Zwettl zu entsenden, die dem Hauptmann von Zwettl Friedrich den Fritzendorfer, der zugleich auch das Amt des Stadtrichters ausübte, zu Hilfe kommen sollten. Weil sich die Feinde aber diesmal noch nicht blicken ließen, zogen die Bewaffneten wieder ab.
Im März 1426 drangen die Hussiten in das östliche Weinviertel vor, und gegen Jahresende überschritt ein hussitisches Heer unter Jindrich ze Stráze (Heinrich von Platz) die Grenze bei Weitra. Die geängstigten Weitraer Bürger schlossen die Tore und verständigten durch einen Boten die Nachbarstadt Zwettl von der Ankunft des gefürchteten Feindes. Die Zwettler entsandten am nächsten Morgen zwei Reiter zur Aufklärung, welche die Hussiten aber bereits im Anmarsch trafen. Sie machten schleunigst kehrt und während der eine in die Vaterstadt zurück ritt, meldete der andere im nahen Kloster das Herannahen des Feindes. Die Bürger der Stadt rüsteten zur Verteidigung. Die Mönche in Stift Zwettl, die keine Verteidigungsmöglichkeit sahen, beschlossen zu fliehen. Man brachte alle Schätze, Bücher und Schriften des Klosters in die Burg Lichtenfels, die von dem Ritter Jörg von Rappach verteidigt wurde. Der Konvent floh bis auf zwei Laienbrüder in die befestigte Stadt Zwettl, nach Krems, wo man im Dominikanerkloster Unterschlupf fand und auch in die nahen Wälder. Tatsächlich schloss das Hussitenheer die Stadt Zwettl ein. Es sollen nach einer zeitgenössischen Quelle 4000 Mann zu Fuß und zu Pferd gewesen sein, die Zwettl belagerten (allerdings übertrieben die mittelalterlichen Chronisten bei den Zahlen meist kräftig). Nach einer kurzen und erfolglosen Belagerung zogen die Hussiten nach Stift Zwettl, wo sie nur die zwei bereits erwähnten Laienbrüder vorfanden. Vom Sakristan Paul wollten die Hussiten das Versteck der Klosterschätze erpressen. Er konnte jedoch durch eine Mauerlücke entkommen und so sein Leben retten. Den geistig behinderten Bruder Erhard aber erschlugen die Hussiten. Dann plünderten sie das Stift und errichteten auf dem Weinberg ihr Lager. Am folgenden Tag, dem Neujahrsmorgen 1427, versuchten sie neuerlich die Stadt zu erstürmen. Als das wieder erfolglos war, zerstörten sie alles, was außerhalb der Mauern lag, die Vorstädte, den Oberhof und das Spital, das sich damals vor dem Unteren Tor befunden hatte. Auch die Pfarrkirche auf dem Berg erlitt großen Schaden. Dann zogen sie abermals gegen das Kloster. Sie brannten es nieder und verwüsteten die umliegenden Dörfer, Höfe und Grangien. Am 3. Jänner 1427 zogen sie über Windigsteig und Dobersberg wieder ab und legten auf ihrem Rückweg alle Ortschaften in Schutt und Asche. Am 12. März des selben Jahres belagerten angeblich 16 000 Mann, Fußvolk und Reiterei, unter dem Kommando Prokop Holýs neuerlich die Stadt Zwettl. Zwei Tage und zwei Nächte lang wurde gekämpft, doch auch diesmal vergebens. Zur Aufbringung von Lebensmitteln brandschatzten die Belagerer in immer größerer Ausdehnung die ganze Umgebung und drangen mit Streifscharen bis weit in das Kremstal vor. Auf die Kunde von diesem Einfall zog Herzog Albrecht V. alle verfügbaren Kräfte bei Krems zusammen.
Reimprecht von Wallsee befehligte die Oberösterreicher, Leopold von Krayg die Niederösterreicher, weiters sollen Otto von Maissau und die Herren von Liechtenstein, Puchheim und Neuberg in diesem Aufgebot mit dabei gewesen sein. Über die Größe dieses österreichischen Heeres sind keine Zahlen bekannt.
Am 25. März 1427 stieß das Entsatzheer auf die Hussiten, und es kam bei Zwettl (vermutlich auf dem Weinberg) zu einer blutigen Schlacht. Die Österreicher schlugen den Feind in die Flucht. Anstatt aber die fliehenden Hussiten mit Nachdruck zu verfolgen, plünderten die Sieger die Wagenburg und wurden dabei von den sich wieder gesammelten Hussiten angegriffen. Mit Mühe konnten die Österreicher die Stadt erreichen, wo sie Schutz fanden. Die Hussiten metzelten alles nieder, was nicht schnell genug flüchten konnte. Nach drei Tagen zogen sie in Richtung Altenburg und Horn ab.
Wie der Volksmund berichtet, ließen später die Zwettler Bürger zur dankbaren Erinnerung an die abgewendete Gefahr am Südhang des Weinbergs einen Gedenkstein, das so genannte Hussitenkreuz setzen. Eine andere Sage erzählt, dass der "Rittersprung", ein Marterl, ebenfalls am Südhang des Weinbergs, von einem österreichischen Ritter errichtet wurde, der sich an diesem 25. März 1427 mit seinem Pferd vor den nachstürmenden Hussiten über den Kamp retten konnte.


  

Das Hussitenkreuz (links) und der Rittersprung (rechts)

 

Die Idylle von heute, das blutige Schlachtfeld von einst - am Weinberg bei Zwettl


Nachdem die Hussiten aus Zwettl abgezogen waren, verwüsteten sie das Stift Altenburg, wo sie alle Heiligenbilder, Statuen, Kirchenfenster und die Orgel zerstörten. Dann bedrohten sie die Stadt Horn. Andere hussitische Heere eroberten Marchegg, zerstörten Dörfer, Städte und Klöster im Mühlviertel und drangen bis in den Wiener Raum vor. Erst die 1431 von Albrecht V. gemeinsam mit den österreichischen Ständen ausgearbeitete Wehrordnung stärkte die Abwehrkraft nachhaltig. Am 14. Oktober 1431 erlitt das hussitische Heer bei Thaya eine schwere Niederlage, und 1432 flauten die Kampfhandlungen ab.
Wie jüngste Forschungen (dendrochronologische Untersuchung von Hölzern im Dachboden des Antonturms im Juli 2003) ergeben haben, wurde die Zwettler Stadtbefestigung nach den Hussitenkriegen ausgebaut und verstärkt.
Die vom Krieg verwüsteten Regionen in Österreich, Böhmen und Mähren erholten sich nur langsam. Der Produktionsausfall in Landwirtschaft und Gewerbe führte zu Güterverknappung und Teuerung. Vielfach wurden Dörfer verlassen, es entstanden Wüstungen. Wobei die Zerstörung während der Hussitenkriege den letzten Anstoß für die Aufgabe von Siedlungen in klimatisch und von der Bodenbeschaffenheit her benachteiligten Regionen gegeben haben dürfte.

Fazit: Damals wie heute ...

Die Hussiten brachten somit im "Namen Gottes" Unheil über ihr Land und die benachbarten Regionen. Das war sicher nicht das Ziel des Jan Hus, wollte er doch einfach "nur" die Rückkehr zur apostolischen Einfachheit erreichen. Mord und Zerstörung und das damit verbundene Unheil im "Namen Gottes" zu rechtfertigen war der Irrglaube von damals genau so wie heute!

Aus der Geschichte wissen wir, dass aus so manchem positiven Glaubens- und Denkansatz - damals wie heute - ein Weg beschritten wurde, der sicher nicht im Sinne des "Erfinders" gewesen war!



Literatur:
Petr Cornej, Kreuz-, Feld- und Beutezüge. Die böhmisch-mährisch-österreichische
Grenze in der Zeit der hussitischen Revolution. In: Andrea Komlosy/Václav
Buzek/Frantisek Svátek (Hg.), Kulturen an der Grenze. Waldviertel - Weinviertel -
Südböhmen - Südmähren (Wien 1995) S 46-50.

Thomas Krzenck, Der österreichische Hussitenkrieg und die Schlacht bei Thaya. In:
Arbeitsberichte des Kultur- und Museumsvereines Thaya 3/4/5/1997 (Thaya 1997) S
723-728.

Gilbert Lipp, Die Geschichte des Klosters Zwettl. In: Hans Hakala/Walter Pongratz,
Zwettl-NÖ II. Die Gemeinde (Zwettl 1982) S 557 f.

Alois Niederstätter, Die Hussitenkriege. In: Herwig Wolfram (Hg.), Österreichische
Geschichte, 1400-1522. Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur
Neuzeit (Wien 1996) S 343-346.

Silvia Petrin, Der österreichische Hussitenkrieg 1420-1434. Militärhistorische
Schriftenreihe Bd. 44 (Wien 1982).

Walter Pongratz, Geschichte der Stadt bis 1648. In: Hans Hakala/Walter Pongratz,
Zwettl-NÖ I. Die Kuenringerstadt (Zwettl 1980) S 55 f.

Ferdinand Stöllner, Österreich im Kriege gegen die Hussiten (1420-1436). In:
Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich, NF 20. Jg., 1/1929 (Wien 1929).