Die Alte Heimat 

(Eine Rubrik von www.waldviertel-bilder.at)

 

Im Herzen des Waldviertels befindet sich auf einer Fläche von 157 km2 der größte Truppenübungsplatz Österreichs.

Dieser wurde im Jahr 1938 nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen auf dem Gebiet des "Döllersheimer Ländchens" errichtet. Es gibt die verschiedensten Theorien, warum der "Führer" Adolf Hitler ausgerechnet dieses Gebiet dafür auserwählt hatte. Ein möglicher Grund dafür erschien die Tatsache, dass seine Vorfahren aus dem Gebiet rund um Döllersheim stammten - unter anderem liegt auch die "Großmutter des Führers" Anna Maria Schickelgruber auf dem Döllersheimer Friedhof begraben. Seine Herkunftsfamilie war für ihn eine Schwachstelle, die geeignet gewesen wäre, an seinem von der NS-Propaganda erzeugten Mythos zweifeln zu können. Die Aussiedlung der Bevölkerung auf dem genannten Gebiet mag daher eine geeignete Gelegenheit gewesen sein, etwaige Spuren somit von der Landkarte verschwinden lassen zu können:

Adolf Hitlers Vater Alois Hitler (geb. Schickelgruber) wurde in der Ortschaft Strones auf dem Gebiet des heutigen Truppenübungsplatzes als uneheliches Kind der "Großmutter des Führers" Anna Maria Schickelgruber geboren. Es gab Vermutungen, dass der somit unbekannte Großvater Hitlers jüdischer Abstammung gewesen sein könnte: Hitlers Großmutter kehrte angeblich nach einem Aufenthalt als Dienstmädchen bei einer jüdischen Familie in Graz schwanger zurück. Diese Theorie gilt zwar aus heutiger Sicht der Ahnenforschung als widerlegt, doch alleine das Gerücht, dass Adolf Hitler den von seinen Reichsbürgern verlangten „Ariernachweis“ selbst nicht hätte erbringen können, wäre für ihn mehr als nur unangenehm gewesen.

Adolf Hitlers Vater heiratete in dritter Ehe seine Cousine 2. Grades Klara Pölzl. Aus dieser Ehe entstammte Sohn Adolf Hitler. Die Tatsache, aus einer inzestuösen Verbindung zu stammen, stand ebenfalls im Widerspruch zur NS-Propaganda, die andere Vorstellungen von einer „deutschen Familie“ vorgab.

Adolf Hitler achtete stets darauf, sein Umfeld über seine familiäre Herkunft im Unklaren zu lassen. Seit dem Beginn seiner politischen Karriere – seine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben - mied er wahrscheinlich aus genannten Gründen den Kontakt bzw. ein Naheverhältnis zu seiner Verwandtschaft.

Detailinformationen dazu:

 

Die Bevölkerung rund um Döllersheim freute sich jedenfalls vor und auch nach dem Einmarsch noch, zum "Ahnengau des Führers" zu gehören. Doch dieser Freude folgte bald die Ernüchterung, als es hieß, von der Heimat wegzumüssen. Auf Etappen wurden zwischen 1938 und 1942 zwischen Stift Zwettl, Allentsteig, Neupölla und dem Kamp 42 Orte, 6 Gehöfte, 10 Mühlen und 1.389 Gebäude geräumt und ca. 6.800 Einwohner ausgesiedelt. Nur den Bewohnern der auch heute noch bestehenden Ortschaft Franzen gelang es trotz Repressalien erfolgreich dagegen Widerstand zu leisten!

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Jahr 1945 nahm die Sowjetische Armee den Truppenübungsplatz in ihren Besitz. Als das Gebiet nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages im Jahr 1955 wieder an die österreichischen Behörden zurückgegeben worden war, erfüllte sich der Wunsch vieler Aussiedler auf Rückkehr leider nicht, denn das Gebiet blieb bis zum heutigen Tag militärisches Sperrgebiet!

Aus nationalsozialistischem Unrecht ist somit österreichisches Recht geworden:

Für die einen ist der Truppenübungsplatz im Herzen des Waldviertel aufgrund der Anwesenheit des österreichischen Bundesheeres ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, für die anderen ist er ein Schandfleck der Geschichte und ein Grund für die schlechte Entwicklung der angrenzenden Gemeinden, weil diesen das Hinterland fehle und Verkehrsanbindungen in die Zentren nur über Umwege möglich sei!

Wie man auch immer dazu stehen mag, dass eine der kleinsten Armeen Europas einen der größten Truppenübungsplätze dieses Kontinents besitzt, so hat sich über die Jahrzehnte der Abgeschiedenheit von der Zivilisation ein bedeutender Naturraum entwickelt, in dem viele seltene Tiere und Pflanzen ein Rückzugsgebiet gefunden haben. Nicht umsonst wurde das Gebiet des Truppenübungsplatzes Allentsteig als Europaschutzgebiet (Natura-2000) unter besonderen Schutz gestellt! Für viele ist er sogar der "Heimliche Nationalpark des Waldviertels" und manche fordern auch eine offizielle Gründung eines solchen!

        * "Die alte Heimat" (Verlag Berger & Soehne, Horn, 2. Auflage 1981)

        * "Wegmüssen" (Margot Schindler, Selbstverlag des Ö. Museums für Volkskunde, Wien, 1988)

            * "Die entweihte Heimat" (Johannes Müllner, 1983/84 Textband, 1984 Bildband)

 

 

 Der Stausee Ottenstein

Stausee "heute" - Bundesstraßen-Brücke, Ruine Lichtenfels und Staumauer

Stausee "gestern" - Errichtung der Brücke 1957 (links), Ruine Lichtenfels vor Errichtung des Stausees (rechts)

             

Errichtung der Kamptalstauseen (auf www.zwettl.at)

24.10.1956: Einsturz der Stauseebrücke bei Lichtenfels (auf www.zwettl.at)

Im Jahr 1957 wurde die Kamptalsperre Ottenstein eröffnet. Durch den Aufstau verschwanden auch so manche durch die Truppenübungsplatzerrichtung bereits entsiedelten Gehöfte, Ortschaften und Mühlen entlang des Kampes für immer unter den Fluten des Stausees. Neben dem Riemerhof, der Gföhlermühle, der Ortschaft Niederplöttbach - um nur einige zu nennen - war die Fürnkranzmühle die bekannteste von ihnen, denn der von den Erholungssuchenden heute stark frequentierte Bade- und Bootsanlegeplatz zwischen Edelhof und Mitterreith ist nach ihr benannt:

 

Nur mehr der Name lässt erahnen, dass sich dort am Grund des Sees einst diese Mühle befunden haben soll:

 

Niemand glaubte daran, dass der See sie jemals wieder preisgeben könnte. Die Überraschung war daher groß, als aufgrund massiven Niederwassers in den Monaten Jänner und Februar 2006 die seit Jahrzehnten vom Wasser umspülten Ruinen der einstigen Fürnkranzmühle zutage traten:

 

Auch einige Lokalmedien berichteten mit interessantem geschichtlichen Hintergrund über dieses Ereignis:

"Unser Zwettl", Ausgabe vom 27.02.2006

 

"NÖN-Bezirk Zwettl", Ausgabe Woche 6/2006

 

Die einstige Hauptverbindung zwischen Zwettl und Horn, die bei der Fürnkranzmühle den Kamp überquerte, wurde also durch die Errichtung des Stausees unterbrochen. Die heutige Zubringerstraße zum Bade- und Bootsanlegeplatz Fürnkranzmühle über Rudmanns und Edelhof entspricht dem damaligen Verlauf.

Am gegenüberliegenden Ufer schräg rechts fände sie ihre Fortsetzung. Auch dieser Teil der Strecke existiert heute noch und wird als Güterweg für die forsttechnische Erschließung und zur Versorgung des nördlichen Seeufers vom zuständigen Forstamt genutzt. Er mündet in der Fortsetzung bei Döllersheim in die bestehende Landesstraße.

Die heutige Brücke über den Stausee bei Rastenfeld, über die die Bundesstraße von Zwettl nach Horn bzw. nach Krems führt, ist somit zum modernen Ersatz für die einstige Verbindung geworden!

          

Bild links: Auf der beschriebenen ehemaligen Straßenverbindung - zwischen dem Nordufer und Döllersheim (s. Übersichtskarte unten)

Bild rechts: Das heutige Ende der ehemaligen Straßenverbindung am Nordufer des Stausees (gegenüber der Bootsanlegestelle Mitterreith-Fürnkranzmühle am Südufer im Hintergrund). Aufgrund des Niederwassers ist hier der einstige Verlauf der alten Straße noch im Gelände erkennbar: Den Fußstapfen folgend - Überquerung des rechts hereinkommenden Plöttbaches (heute Plöttbachbucht) - entlang der folgenden Landzunge (hinter dieser befindet sich die Fürnkranzmühle) dann Querung des Hauptarmes zum gegenüberliegenden Südufer, der Bootsanlegestelle Mitterreith-Fürnkranzmühle - von dort Fortsetzung Richtung Edelhof und Rudmanns (s. Übersichtskarte unten)

Übersichtskarte Stausee Ottenstein und Umgebung von Döllersheim:

Bezüglich dieser ehemaligen Straße erzählt man in der Ortschaft Mitterreith folgte wahre Begebenheit, die böse hätte enden können, aber doch einen glücklichen Ausgang fand:

Um die Zeit Anfang der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts fuhr ein Mann mit seiner Gattin auf der beschriebenen Straße von Zwettl kommend Richtung Fürnkranzmühle. Es war Winter und das Land tief verschneit. Der Mann kannte die Straße und die Gegend noch aus früherer Zeit. Doch im Bereich der Fürnkranzmühle verlor er in die Orientierung und die verschneite Winterlandschaft ließ ihm alles irgendwie fremd erscheinen. So ließ er seine Frau im Auto zurück um sich in der nahen Ortschaft Mitterreith nach dem Weg zu erkundigen. Im Dorfgasthaus erzählte er seine Geschichte und alle wurden kreidebleich - aber auch er, als die Dorfbewohner ihm erzählten, dass sein Fahrzeug mit seiner darin wartenden Gattin mitten am Stausee stehen musste. Denn der Mann wusste nicht, dass zwischenzeitig der Stausee errichtet worden war und in der verschneiten Winterlandschaft konnte er diesen aber auch nicht erkennen. Doch die beiden hatten Glück: Der Winter war streng und die Eisdecke am See so dick, dass sie das Gewicht des Fahrzeuges tragen konnte. Man kann sich vorstellen, was andernfalls passiert wäre ...

Zum Abschluss eine persönliche Geschichte:

So mancher wird sich vielleicht fragen, warum ich mich so intensiv mit dieser einstigen Straßenverbindung auseinandersetze! Nun ja - auf der einen Seite hatte sie eben regionale Bedeutung, auf der anderen Seite steht doch auch eine persönliche Beziehung dahinter: Nicht nur so manche meiner Vorfahren hatten ihre Wurzeln in der "alten Heimat", sondern auch mein Großvater, der aus Rudmanns bei Zwettl stammte, benutzte oft zu Fuß (!) diese Straße, um nach Kleinkainraths, einer heute verfallenen Ortschaft am bestehenden Truppenübungsplatz nördlich von Döllersheim, zu gelangen. Der Grund war meine Großmutter, zu der er sich auf "Brautschau" begab. Diese Straße von einst - der einsame Waldweg von heute - führte die beiden somit zusammen!

Wenn ich heute also genau an diesem fast vergessenen Pfad in der Waldeinsamkeit entlang wandere, weiß ich, auf den Spuren meines Großvaters zu sein! So manchem knorrigen Baum, so manchem in Vergessenheit geratenen Bildstock, oder so manchem alten, heute verwachsenen graniternen Kilometerstein am Wegesrand wird auch er damals schon begegnet sein ...